Soziale Gesundheitswirtschaft braucht „Stiftung Gesundheitstest“
Beschluss des IGW-Vorstandes vom 18.1.2011
1. Qualitätstransparenz ermöglicht Patientensouveränität
Die bisherigen Gesundheitsreformen haben es ganz deutlich gemacht: die Zukunft in der Gesundheitswirtschaft kann nicht ausschließlich auf der Einnahmeseite der gesetzlichen Krankenkassen gemeistert werden. Wer den Menschen in Zukunft höchste Qualität und größte Wirtschaftlichkeit gleichermaßen bieten will, muss die Modernität der Medizinanbieter fördern. Was in allen anderen Branchen längst Realität ist, muss auch im größten Bereich unsere Volkswirtschaft künftig als selbstverständlich gelten. Nur fairer Wettbewerb unter allen Akteuren um die beste und günstigste Lösung sichert den Patienten den Zugang zu innovativer Medizin. Der Patient rückt allerdings nur dann in den Mittelpunkt der Gesundheitsbranche, wenn die Leistungs- und Qualitäts-transparenz gewährleistet sind. Die Voraussetzungen sind heute besser als je zuvor. Insbesondere das Internet hat schon viel bewirkt. Eine kluge Gesundheitspolitik befördert vor der Preis- die Qualitätstransparenz, weil letztere die Patienten wirklich interessiert und niemand sich ihr offen entziehen kann. Dabei garantieren nicht die Formalqualitäten der Experten hohe Qualität, sondern die objektiven Ergebnisse der Behandlungslösungen. Sie müssen im Zentrum einer unabhängigen Bewertung stehen. Die Realisierung der Idee „Stiftung Gesundheitstest“ muss deshalb ganz oben auf der Agenda der nächsten Gesundheitsreform stehen.
2. Patienten werden Konsumenten
Je informierter die Menschen werden, umso mehr sind sie bereit, privates Geld in ihre Gesundheit zu investieren. Deshalb entwickelt sich eine differenzierte Nachfrage nach Versicherungs- und Gesundheitsleistungen. Patienten sind künftig nicht mehr alle gleich. Ihre Ansprüche diversifizieren.
Das deutsche Gesundheitssystem ist nach wie vor durch eine ausgeprägte Segmentierung gekennzeichnet. Dazu tragen ganz zentral die sehr unterschiedlichen Finanzierungsgrundlagen bei. Sie verhindern bisher weitgehend die Überwindung der traditionellen Grenzen zwischen den Systemteilen. Ambulante und stationäre Angebote sind deshalb nur sehr unzulänglich vernetzt. Die alte Trennung zwischen den in Praxen „vertikal“ behandelten Leichtkranken und den in Krankenhäusern „horizontal“ versorgten Schwerkranken lebt organisatorisch fort, obschon die Entwicklung der modernen Medizin inhaltlich längst die Behandlung von komplexen Erkrankungen auch ambulant ermöglicht. Der Gesundheitsmarkt wird dieser Entwicklung immer noch nicht gerecht. Praxen und Krankenhäuser repräsentieren nach wie vor genauso stark abgeschottete eigene Welten wie die Rehabilitationskliniken, die Apotheken und die vielen anderen Gesundheitsanbieter. Die immer stärkere Spezialisierung der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten macht es allen Beteiligten schwer, sich in diesem Dickicht zu recht zu finden.
Patienten, die zu Konsumenten werden, erwarten entgegen der geschilderten Situation zunehmend ganzheitliche Gesundheitsangebote, die auf einem strukturierten Prozess beruhen. Diese tief greifenden Veränderungen bringen für die Anbieter der Gesundheitswirtschaft die Verpflichtung, sich positiv auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Für die Akteure der Branche steht bisher „ihre“ Institution im Zentrum. Für die Nutzer, also die Patienten, ist hingegen ausschließlich die Behandlungslösung von Interesse. Der Medizinprozess rückt ins Zentrum des Gesundheitsmarktes. Dabei ist besonders wichtig, von der bisher weitgehend praktizierten Zufallsmedizin zu einer geplanten und strukturierten Behandlung zu kommen. Eine solche Entwicklung ist die Voraussetzung für “Markenmedizin“. Patienten können ihre Rolle als Konsumenten nur dann aktiv wahrnehmen, wenn ihnen Hilfe zur Erlangung von Transparenz zu Teil wird. Hier setzt der Gedanke einer „Stiftung Gesundheitstest“ an.
3. Stiftung Warentest als Vorbild
Seit über 45 Jahren existiert die unabhängige Stiftung Warentest. Die am 4. Dezember 1964 nach einem entsprechenden Beschluss des Deutschen Bundestages vom Bundeswirtschaftsministerium errichtete Stiftung hat seither eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen: rund 5.000 Warentests mit insgesamt 85.000 getesteten Produkten, dazu
1.600 untersuchte Dienstleistungen. 96 Prozent der Deutschen kennen die Stiftung Warentest. Sie finanziert ihre Arbeit überwiegend durch den Verkauf ihrer Publikationen. Zu diesen rund 40 Mio. Euro kommen, weil sie aus Gründen der Unabhängigkeit auf Werbeeinnahmen verzichtet, rund 7,5 Mio. Euro Zuwendungen durch die Bundesregierung. Letzte hat kürzlich zugesagt, das Stiftungsvermögen mit einer Zuwendung von 50 Mio. Euro aufzustocken, um das Ziel zu erreichen, die jährlichen Zuschüsse langfristig durch die Verzinsung des Stiftungskapitals abzulösen.
4. „Stiftung Gesundheitstest“ jetzt errichten
Die Zeit für eine „Stiftung Gesundheitstest“ ist jetzt reif. Die Angebote zur Verbesserung der Transparenz in der Gesundheitswirtschaft sind vielfältig. Was fehlt ist eine unabhängige Institution, die die Rolle der Patienten als Konsumenten stärken könnte. Deshalb ist die Errichtung einer „Stiftung Gesundheitswirtschaft“ jetzt so wichtig. Sie sollte sich zunächst auf die Gesundheitsleistungen konzentrieren, die in selektiven Verträgen, z.B. in Integrierten Versorgungsverträgen, zwischen Krankenkassen und Gesundheitsanbietern vereinbart werden. Dabei sollten Verträge, die über Managementgesellschaften abgeschlossen wurden und überregional ausgerollt wurden, zunächst bewertet werden. Gleichermaßen sollten auch Gesundheitsangebote getestet werden, die über Zusatzversicherungen abgesichert werden können oder privat finanziert werden müssen. Dabei sollte auch das Wissen und die Erfahrung der medizinischen Fachgesellschaften einbezogen werden.
Die INITIATIVE GESUNDHEITSWIRTSCHAFT e.V. fordert die Bundesregierung auf, die Idee einer „Stiftung Gesundheitstest“ zu realisieren. Dabei sollte sie zunächst prüfen, ob wegen der besonderen thematischen Herausforderungen eine eigenständige Stiftung errichtet werden sollte oder ob der Stiftung Warentest unter Ausweitung der Zuwendungen und bei entsprechender Veränderung der Zusammensetzung der Gremien die Aufgabe zusätzlich übertragen werden könnte. Für die letzte Variante spricht vor allem die Tatsache, dass die Stiftung Warentest bisher schon Krankenkassen testet. Ebenfalls geprüft werden sollte, ob ggf. auch andere bestehende Institutionen in der Lage sein könnten, die Funktionen einer „Stiftung Gesundheitstest“ zu übernehmen.
